Gespräch mit Cornelia Travnicek

Gab es für deinen Roman „Chucks“ eine Ausgangsszene oder einen Ausgangssatz, der zum Schreiben dieses Buchs führte?

Das ist im Nachhinein natürlich immer schwierig zu sagen – es gibt ja das schöne Wort „Inspiration“, das bedeutet, dass aus dem Nichts eine Idee erscheint. Aber der Ausgangspunkt war für mich eigentlich die Familienkonstellation im Hintergrund der weiblichen Hauptfigur. Was passiert mit Familien, die solchen Schicksalsschlägen ausgesetzt sind. Für mich gab es zwei Möglichkeiten: Entweder man findet zusammen und kapselt sich von der „bösen“ Welt ab, die einem dieses Schicksal zugefügt hat, oder, wie im Falle des Buches, man driftet auseinander, verliert sich.

Wie würdest du Mae beschreiben?

Den Vorstellungen nicht entsprechend. Man möchte ja oft von jungen Frauen haben, dass sie sehr freundlich sind und sich nett verhalten. Mae ist ja das komplette Gegenteil davon. Bei Lesungen in Schulen werde ich oft darauf angesprochen, dass sie so unfreundlich ist und teilweise gefühllos – aber das ist sie ja nicht. Sie verhält sich anderen gegenüber ja nur so, weil sie selbst so verletzlich ist. Für die Figur war es ganz wichtig, sich beim Schreiben und bei der Sprache von allen Vorstellungen zu verabschieden und sie so sein zu lassen, wie sie ist.

Hast du dich vorher bereits mit dem Genre „Jugendroman“ befasst?

Das interessante daran ist ja, wie jung es eigentlich ist. Heute werden diesem Genre viele Bücher zugeordnet, die eigentlich gar nicht dafür geschrieben wurden. CHUCKS wird im Grunde nur wegen der Jugend der Figuren dem Jugendroman zugeordnet. Aber viele Leserinnen und Leser, die viel älter sind und quasi schon der Großeltern-Generation zugerechnet werden können, sind genauso von dem Buch betroffen. Ob man von ihm berührt sein kann oder nicht, hängt – glaube ich – stark von eigenen Emotionen und Beziehungen ab.

Gibt es für dich eine Kernszene, in der sich für dich – sowohl im Buch als auch im Film – der Grundkonflikt verdichtet?

Es sind viele kleine Kernszenen und ich glaube, das macht dieses Buch und auch den Film aus. Es gibt viele Bücher, die 200 Seiten lang auf einen Höhepunkt hinarbeiten und wenn der vorbei ist, gibt es eine Nachgeschichte. Bei CHUCKS ist das nicht so und das finde ich schön. Er besteht aus vielen kleinen leuchtenden Momenten zwischen den einzelnen Figuren. Im Buch gibt es eine Schlüsselszene, in der klar wird, dass mit den Eltern etwas nicht stimmt, beobachtet aus der Kinderperspektive. Oder die Szenen im Film zwischen Mae und ihrer Mutter, mit dieser leichten Verschiebung, wenn sie in der Tür stehen und einander nicht näher kommen können, obwohl man genau weiß, dass sie das eigentlich möchten, was sich durch diese kleine verunglückte Umarmung äußert.

Was hat für dich der Transfer deines sprachlichen Konstrukts in ein Visuelles bedeutet, als du den Film zum ersten Mal gesehen hast?

Es war für mich wahnsinnig interessant, das anzusehen. Manche Szenen haben sich auf andere Figuren verschoben, manche Dinge, die im Buch auserzählt werden, sind im Film bloß angeschnitten, und manche wurden hinzugefügt um das was im Text nur zwischen den Zeilen steht, darzustellen. In der Literatur fällt es wohl leichter, das Innenleben darzustellen, während im Film es vielleicht einfacher ist, Handlung zu zeigen.

Ein schöner Zufall: Parallel zum Filmstart erscheint dein neuer Roman „Junge Hunde“. Ist dieses Buch eine Konsequenz aus der Erfahrung mit „Chucks“?

Im Grunde nicht. Wenn man einmal etwas sehr erfolgreiches gemacht hat, will man sich selbst und den Leuten beweisen, dass man auch etwas anderes machen kann und sich nicht auf etwas festlegt. Auch da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man setzt sich auf die Schiene und sieht das als „Cashcow, oder man beweist, dass man vielseitig ist. Aber es geht auch in dem neuen Roman wieder um das Thema Familie – Familienkonstellationen, was ist Familie eigentlich und dass sie nicht nur Blutsverwandtschaft im engeren Sinn bedeutet.

Was bedeutet Familie also für dich?

Zusammenhalt. Im Falle von CHUCKS hat Mae ihre Familie durch einen kranken Mann ersetzt, dem seine eigene Familie verlustig gegangen ist. Sie hat somit mehr Familienstatus für ihn, weil er im Stich gelassen wurde. Es geht also weniger um eine Art von Geburtsrecht, sondern um ein Angebot, das jemand annimmt oder nicht.


Cornelia Travnicek

geboren 1987, lebt in Niederösterreich. Sie studierte an der Universität Wien Sinologie und Informatik und arbeitet Teilzeit als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet,  u. a. für ihr Romandebüt “Chucks” (DVA 2012) mit dem Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich und dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium des Deutschen Literaturfonds. 2012 erhielt sie den Publikumspreis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt für einen Auszug aus ihrem bisher noch unveröffentlichten Roman “Junge Hunde”. Neben einigen eigenständigen Publikationen veröffentlichte sie auch diverse Texte in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen.

Cornelia Travniceks Texte wurden bisher ins Englische, Italienische, Estnische und Arabische übersetzt

Website: http://www.corneliatravnicek.com

PRESSESTIMMEN zum Roman CHUCKS von Cornelia Travnicek
Erschienen 2012 in der Deutschen Verlagsanstalt
Erhältlich als btb-Taschenbuch, 192 Seiten, ISBN 978-3-442-74702-3, € 9,30

„Poetisch, lakonisch und unsentimental … Ein beachtliches Talent.“
Neue Zürcher Zeitung

„Cornelia Travnicek hat mit Chucks die Geschichte einer schmerzhaften Adoleszenz geschrieben.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Cornelia Travnicek schlägt in ihrem todtraurigen, zärtlich-humorvollen Roman neue punkige Töne an. Mae ist aufsässig und bitter, liebessüchtig und lebensklug – ein Mädchen zum Mögen.“
Augsburger Allgemeine

„Hervorragend! Frech, weise, traurig und kunterbunt .. Die überraschend sichere und poetische wie humorvolle Sprache verblüfft und verzaubert.“
weltexpress.info

Der Autorin ist eines der überraschendsten Bücher dieser Saison gelungen, das gerade in seiner Leichtigkeit schwer wiegt und große zeitdiagnostische Kraft hat.“
Der Standard

„Wunderbar zu lesen: Man begreift, wie schwer und verwirrend es oft ist, jung zu sein. Erheiternd, traurig und tiefgängig.“
Wiener Zeitung

„Die junge Autorin hat ein besonderes Talent, Geschichten wie Märchen zu erzählen und bedient sich dabei einer einzigartig lebendigen, schlagfertigen Sprache. Ein echtes Juwel.“
rcn – event & music