Adoleszenz als Störfall

GESPRÄCH mit Sabine Hiebler und Gerhard Ertl

Was hat euch an dem Buch “CHUCKS”  fasziniert und gereizt, es in das Medium Film zu übertragen?

Als wir CHUCKS von Cornelia Travnicek zum ersten Mal gelesen haben, war es für uns erstaunlich, wie viele Parallelen dieser Roman zu unserem Film „Anfang 80“ aufweist. Auch in CHUCKS geht es um Liebe und Tod – eine Themenkombination, zu der wir einfach nicht nein sagen können –  und um die damit verbundenen, überwältigenden Gefühle.

Beides sind Liebesdramen, in denen die Figuren an ihren Aufgaben wachsen: Die Protagonistin eckt dabei an der Gesellschaft, an Konventionen und an Institutionen, an, um „ihren“ Weg zu gehen. Beide Filme sind Liebesgeschichten an den Rändern des Erwachsenenlebens, nur dass CHUCKS am entgegengesetzten Ende der Altersskala angesiedelt ist. Es hat uns gereizt, ähnliche Themen aus dieser anderen, jungen Perspektive heraus zu erzählen.

Jugendliche sind heute einem enormen Druck ausgesetzt. Wir haben uns gefragt: Wie ist es heute als Teenager, in eine Gesellschaft hineinzuwachsen, die sich selbst erst wieder neu zusammenbauen muss? Wie ist es angesichts der aktuellen humanitären und ökonomischen Desaster aus vielfach überforderten, gescheiterten Familien heraus  sein eigenes Erwachsenwerden auf die Reihe zu bringen? Wie ist das, wenn die soziale Beschleunigung keine Zeit für persönliche Krisen zulässt  –  wenn kaum Raum für „nicht-börsennotierte-Werte“ bleibt? Wenn das bloße Funktionieren im gesellschaftlichen Hamsterrad zum Maß  aller Dinge und Jugend, Pubertät, Adoleszenz zum Störfall wird.

Das alles bildet den Hintergrund, vor dem die Geschichte unserer jungen Heldin spielt.
Wir wollten die Handlung dabei wieder ganz auf das Gefühlsleben unserer Figuren legen:
Wie bewältigen sie die Herausforderungen und Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellen? Eingebettet in diese Thematik wollten wir mit CHUCKS eine individuelle, emotionale Geschichte erzählen.

Mae macht es als rebellischer Teenager ihrer Mutter nicht gerade leicht – wie seht ihr als Eltern diese Konstellation?

Es ist ja nicht die Aufgabe der Kinder, es ihren Eltern leicht zu machen. Aber es stimmt schon: Auch die Mutter ist von Krisen gebeutelt und von ihrem Schicksal überfordert. Maes Familie bricht zu einem Zeitpunkt auseinander, an dem sie diese Stütze am meisten gebraucht hätte. Das Tolle an Mae ist, dass sie nicht aufgibt, sich ihren eigenen Weg und Umgang damit zu suchen. Dabei ist sie widerborstig, rebellisch und eckt überall an – aber sie vertraut ihrer eigenen Überzeugung und lässt sich von Konventionen, Vorurteilen und Einschränkungen nicht beirren.



SCHREIBEN

Wie kann man sich den Prozess des Drehbuchschreibens bei euch vorstellen?

Sehr diskursiv: Wir erarbeiten uns zunächst die Struktur und Szenenabfolge und definieren dabei ziemlich genau, was die einzelnen Szenen in Hinblick auf Thema, Geschichte und Figuren leisten müssen. Das ist die eigentliche Knochenarbeit, erst dann wird geschrieben. Das ist dann der spaßigere Teil: Erntezeit.

Was hat sich von der ersten bis zur letzten Fassung hin verändert?

Der Roman spielt in sehr unterschiedlichen Zeit- und Altersstufen der Heldin und das Lesevergnügen besteht zum Teil auch darin, dass man nicht immer gleich erkennt, in welcher Zeitebene man sich gerade befindet. Das würde filmisch so natürlich überhaupt nicht funktionieren, man sieht ja gleich, wie alt Mae in einer Szene ist.

Wir haben die Geschichte bis auf die Kindheitsrückblicke in eine durchgehende Zeitebene gebracht und auch einzelne Nebenfiguren stark verändert. Maes Leben mit Jakob zum Beispiel ist im Roman eine in sich abgeschlossene Phase zwischen ihrem Leben auf der Straße und ihrer Beziehung mit Paul. Im Film haben wir die Freundschaft mit ihm und Tamara in der Hausbesetzer- und Sprayer-Community angelegt und parallel geführt.

CASTING

Wie habt ihr eure Schauspieler gefunden? Welche Kriterien brachten Anna und Markus mit, die sie für euch „richtig“ erscheinen ließen?

Wir haben diesmal sehr lange und sehr intensiv gecastet: Laien, Schauspielschüler, Jungschauspieler … Nach der Vorauswahl war es für uns ausschlaggebend, wie sich neben den Qualitäten der Einzelnen das Ensemble gestaltet. Für die weibliche Hauptrolle suchten wir eine Schauspielerin, die die Figur einerseits brüchig, verletzlich und zart, andererseits rotzig und renitent glaubwürdig und sympathisch verkörpern kann. Diese Rolle ist sehr intensiv. Die Figur trägt die Geschichte und spielt in nahezu jeder Szene. Das stellt eine junge, eher unerfahrene Schauspielerin vor eine ziemlich große Aufgabe, über die man sich erst mal drübertrauen muss. Zum Glück hat sich Anna Posch dieser Herausforderung gestellt.

Wie war die Arbeit mit den jungen Schauspielern?

Wir haben viele Szenen situativ erarbeitet. Wir hatten zwar eine genaue Buchvorlage, haben uns dann während des Drehs aber immer wieder davon gelöst. Mit jungen Schauspielern ist das für die Authentizität und Frische der Szene natürlich enorm von Vorteil. Da hilft es auch, wenn sie zum Beispiel nicht zigmal dasselbe spielen, oder überrascht darüber sein müssen, was hinter einer Tür ist. Wir lassen sie halt einfach wirklich in die Situation rein.



DREHARBEITEN

Gab es eine Art visuelles Konzept, das ihr umsetzen wolltet?

„Schwebend erzählt, manchmal rotzig, manchmal poetisch“ – so wurde der Roman beschrieben und so wollten wir diesen Film inszenieren. Großartig war für uns, dass wir dabei die Zusammenarbeit mit Wolfgang Thaler fortsetzen konnten. Wolfgangs Handkamera hat es uns bei „Anfang 80“ schon ermöglicht, eine sehr direkte, emotionale Verbindung zu den Figuren aufzubauen und immer nahe an den Protagonisten und am Geschehen zu sein. Eine derartige Nähe wollten wir auch bei CHUCKS herstellen – der jungen Umgebung entsprechend, in einer schnelleren, „bewegteren“ Bildsprache.

Wolfgangs Kamera setzt das rebellische Aufbegehren unserer Heldin ebenso wie die poetische, schwebende Zuständlichkeit der Verliebten in unmittelbare, emotionale Bilder.
Mae entwickelt sich im Laufe der Handlung von der aneckenden Antagonistin zur Protagonistin ihres Lebens. Sie wird zur jungen Erwachsenen, die ihre Sprache findet und aus den fremden Schuhen herauswächst. Parallel zu dieser Entwicklung wird auch der Rhythmus des Films zunehmend ausgeglichener.

Gibt es eine Anekdote, die euch von den Dreharbeiten ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Einmal haben sich Spiel und Wirklichkeit etwas zu sehr getroffen:
Wir hatten eine Szene, in der eine Gruppe Jugendlicher im siebten Bezirk ein Haus besprayt.
Alles war genehmigt und bescheinigt, aber irgendein besorgter Nachbar hat wohl die Polizei alarmiert und wollte die vermeintlichen Vandalen vernadern. Da ist dann plötzlich wie aus dem Nichts eine Polizeistreife mit Sirenen und Blaulicht angerast und wollte unsere Sprayer verhaften.

POSTPRODUKTION

Wie gestaltet sich bei euch die Arbeit im Schneideraum?

Schnitt ist uns von jeher sehr wichtig – wir kommen vom FoundFootage-Film und da wird ja vorwiegend über den Schnitt Bedeutung und Zusammenhang hergestellt. Bei CHUCKS hatten wir dazu zahlreiche Möglichkeiten. Wir wollten die Kindheitserinnerungen, Träume und die Real-Ebene emotional ineinander übergehen lassen. Es gibt aber auch viele Szenen, die lange in einer durchgehenden Einstellung gedreht sind.

War schon immer die Idee da, bereits existierende Musik zu verwenden? Nach welchen Kriterien habt ihr ausgewählt?

Für CHUCKS bereits vorhandene Musik zu nehmen hat sich nach und nach herauskristallisiert. Wir haben in Österreich zurzeit eine unglaublich vitale und vielfältige Musiklandschaft. Was wir von Anfang an wollten, war der starken weiblichen Hauptfigur starke Frauenstimmen zuzuordnen. Und die haben wir mit Anja Plaschg, Clara Luzia, Monsterheart und Propella auch gefunden.

Weil CHUCKS in der Jugendszene spielt und viele Szenen in Clubs oder Wohngemeinschaften stattfinden, gibt es hier viel Raum und Möglichkeit für Musik. Letzten Endes konnten wir einen tollen Querschnitt des aktuellen österreichischen Musikgeschehens abbilden. Neben den oben genannten geht das von Bilderbuch über Julian & der Fux und Hella Comet bis hin zu Camo und Krooked.



GERHARD ERTL und SABINE HIEBLER

arbeiten seit ihrem Studium an der Kunstuniversität Linz als Filmproduzenten, Drehbuchautoren und Filmregisseure zusammen.
Gemeinsam produzierten und inszenierten sie in den 1990er Jahren preisgekrönte Avantgardefilme, die u.a.auf der Berlinale, dem New York Film Festival und vielen anderen internationalen Festivals gezeigt wurden.
Daneben stellten sie Foto- und Videoarbeiten u.a.in der Neuen Galerie Graz, bei der Ars Electronica, im Kunsthistorischen Museum Wien und der Biennale de l´image in Paris aus.
2002 entstand ihr erster Spielfilm „nogo“  mit Jürgen Vogel, Jasmin Tabatabai, Meret Becker, Oliver Korittke, Mavie Hörbiger und Michael Ostrowski.Der Film feierte in Rotterdam und beim Max Ophüls Festival in Saarbrücken seine internationale Premiere, wurde weltweit auf Festivals eingeladen und bekam mehrere Auszeichnungen.
Als nächstes entstand der vielfach prämierte Spielfilm „Anfang 80“ mit Christine Ostermayer und Karl Merkatz in den Hauptrollen.
Sowohl der Film als auch die Darsteller wurden in Österreich und international mit Preisen bedacht.

 

Preise/Auszeichnungen:

  • 1993    Filmförderpreis des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst
  • 1995    Förderpreis für Medienkunst des Landes Niederösterreich
  • 2000    Landeskulturpreis Oberösterreich für Film
  • 2002    Thomas-Pluch-Drehbuchförderpreis für „nogo“
  • 2002    Diagonale-Preis für Innovative Produktion für  „nogo“
  • 2002    Variety Critics´ Choice für „nogo“
  • 2012    Diagonale Graz – Beste Schauspielerin für Christine Ostermayer in „Anfang 80“
  • 2012    World Film Festival Montreal – Most popular Film of the Festival/Publikumspreis für „Anfang 80“ („Coming of Age“) und     Best     Actor für Karl Merkatz in „Anfang 80“
  • 2012    Hofer Filmtage – Millbrook Drehbuchpreis für „Anfang 80“
  • 2012    Zürich Film Festival – Deutschsprachiger Wettbewerb: Special Mention „Anfang 80“
  • 2013    Österreichischer Filmpreis Bester Schauspieler für Karl Merkatz in „Anfang 80“
  • 2013    Wisconsin International Film Festival – Best Narrative Film für „Anfang 80“
  • 2013    Santa Barbara International Film Festival – Best International Feature Film “Anfang 80“